Grüner wirds nicht – Flucht aus Hángzhōu

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hangzhou_map_marked_MINIWer der chinesischen 8-Millionen-Metropole Hángzhōu einen Besuch abstattet und keine Verpflichtungen hat, landet üblicherweise ohne Umschweife am legendären Westlake. Der ist zugegebenermaßen auch ein ausgesprochener Leckerbissen und war nicht umsonst Vorbild für Dutzende nachempfundene „West“-Lakes im Reich der Mitte, aber ist neben der Kitsch-Schlagseite leider auch ordentlich überlaufen. Nach einem Tag am See und einer halbwegs erholsamen Nacht im (überaus empfehlenswerten) Touran Backpacker Hostel zieht es mich daher auch geradewegs in die weitläufigen Teeberge im Südwesten der Stadt. Am Hostel gibts praktischerweise auch 1-Gang-Räder für Kleinwüchsige zu leihen, mit denen man zwar nicht wirklich Kilometer frisst, aber wer autark reisen will muss eben auch mal ein paar Abstriche machen. Die Karte links oben vermittelt einen groben Eindruck über die Route, wenn man aber nicht gerade einen einheimischen Kumpel im Schlepptau hat, sollte man besser eine Karte mit chinesischen Zeichen am Start haben – ich habe mir z.b. am Bahnhof die ausgezeichnete Hangzhou Traffic and Tourist Map für ein paar Yuan aufschwatzen lassen.

IMG_6474_buschig_MINIZunächst einmal geht es auf der weniger stark befahrenen Longjing Lu (Lu = Straße) mässig bergauf in die Berge in Richtung Longjing Village. Das Tee-Museum kann man beruhigt rechts liegen lassen und bewundert lieber die Teefelder, die langsam die letzten Ausläufer von Hángzhōu verdrängen. An einer Kurve zweigt link ein Pfad bergab zu einer hübschen grünen Ecke mit Tempeln und Feldern und verleitet zu einem ersten Erholungsstop, der genaue Name ist mir leider entfallen – also einfach auf Schilder oder Instinkt vertrauen.

IMG_6477_aufwaerts_MINIDanach wird es in Sachen Steigung deutlich knackiger und ich greife öfter nach der imaginären Schaltung, aber die Umgebung entschädigt für die Strapazen und irgendwann landet man am Longjing Village (龙井村). Hier gibt es wohl eine Art touristisch-kulturellen „Tee-Park“ , in dem man auch den exklusiven „Dragon Well“ der Region verkosten bzw. käuflich erwerben kann. Tee-Nerds sollten sich diese Gelegenheit natürlich nicht entgehen lassen, echte Biker beißen hingegen noch einmal die Zähne zusammen und nehmen in Richtung Südwest Kurs auf den Berg Manjiaolong Lu (满觉陇路), wo gerade fleißig gebaut wird!

IMG_6482_pass_MIJetzt geht es endlich bergab und ein paar schwungvolle Serpentinen später kommt rechts ein Abzweig in Richtung Nine Creeks and 18 Gullies Park (九溪十八涧) kommt. Ab hier gleicht die Straße eher einem gepflasterten Radweg – Autos scheinen zwar nicht gänzlich verboten aber zumindest hinreichend verpönt zu sein. Auf dem Weg gibt es zahlreiche Stops in der Natur und auch noch mindestens einen sehenswerten Tempel auf der rechten Seite: Den Li’an Tempel (理安寺), erbaut zu Ehren des Mönchs Zhifeng He, der der Legende nach einen Tiger zum Kumpel hatte.

IMG_6522_wedding_MINIHat man den 9 Creeks Park erreicht nimmt die Touristendichte wieder merklich zu, wobei der Park mit seinen pittoresken Brücken, Seen und Wasserfällen bevorzugt von Brautpärchen aufgesucht wird. So stehen sich dann an manchen Hotspots tatsächlich Bräutigam, Braut und Fotograf die Beine in den Bauch, was mitunter ganz witzig aussieht. Ringsherum gibt es aber auch genug weniger belebte Pfade, so dass man nicht gleich das Weite suchen muss.

IMG_6538_river_MIWeiter bergab gehts durch prächtige Natur und Teefelder, bis hinter Jiu Xi Lu die Idylle plötzlich ein jähes Ende findet und man die Zivilisation in Form einer riesigen Straße erreicht, die parallel zum noch riesigeren Quiantang Fluss verläuft. Wer schon schlapp und/oder spät dran ist, biegt nach links ab und kehrt somit direkt nach Hángzhōu zurück (immer dem Fluss bis zur nächsten Brücke folgen). Wer hingegen noch nicht genug hat, den erwartet in der Gegenrichtung noch ein echtes Highlight:

IMG_6568_bamboo_MINIMan folge dem Highway in südwestlicher Richtung einige Kilomer, bis an einer Kreuzung eine große Straße wieder rechts  hoch in die Berge führt (Details siehe Karte). Das Ziel erscheint irgendwann auf der rechten Seite und heißt „Yunqi“ bzw. Bamboo Forest (hier gehts zu den blumigen Hintergrundinfos), aufgrund der Bambusdichte kann man das riesige Areal aber definitiv nicht übersehen  Das Rad muss leider draußen bleiben, würde einem im weiteren Verlauf auch nicht viel bringen. Einer der Pfade führt auf einer offensichtlich endlosen Treppe immer weiter in die Höhe, ein Schild frohlockt Hiking on the Wuyun Hill will improve your Health. Nach der gefühlt 20. Kehre beginnt man zwar an dieser Aussage zu zweifeln, aber irgendwann erreicht man tatsächlich eine Art höchsten Punkt und zudem ein kleines Kloster! Laut meiner Karte sind sind die Wandermöglichkeiten noch endlos, aber leider mahnt die Uhr zur Umkehr.

IMG_6605_tempel_MINIZurück gehts auf dem gleichen Weg ins Tal und später parallel zum Quiantang Fluss. Kurz vor den Toren Hángzhōus erhebt sich dann die achteckige holzverkleidete Pagode der Sechs Harmonien (Liùhé Tǎ / 六和塔) weit in den Himmel und nötigt zu einem letzten Stop. Mindestens die Hälfte der Stockwerke lassen sich per pedes erklimmen und die Aussicht auf die Umgebung ist entsprechend imposant, auch der dahinterliegende Park ist nicht zu verachten. Die letzte Etappe führt schließlich in nördlicher Richtung auf der Hupao Lu vorbei am Zoo wieder in Richtung Westlake und nach den Anstrengungen des Tages hoffentlich zu einem kalorienreichen chinesischen Dinner oder direkt in ein gemütliches chinesischen Bett. Wohl bekomms!

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Über Till@TiMaFe on Tour

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5 Antworten zu Grüner wirds nicht – Flucht aus Hángzhōu

  1. Da Wolf schreibt:

    Traumhafte Bilder. Liebe vor allem die Bambuswälder in Ostasien. Erinnert mich immer an diese japanische und chinesische Martial Arts Filme ….

  2. Thomas schreibt:

    Hallo,
    Hangzhou ist neben Beijing meine Lieblingsstadt in China. Muss unbedingt wieder einmal dorthin.
    Vg
    Thomas

  3. Shaoshi schreibt:

    Das sind ja tolle Eindrücke. So eine Radtour in der Ecke wollte ich auch schon seit vier Jahren machen. Hoffentlich klappt es dieses Jahr! Dann werde ich mir deine Route zum Vorbild nehmen. Wie viele Stunden würdest du denn bis zum Qiantang-Fluss veranschlagen, wenn man wirklich langsam unterwegs ist?

    • Hallo Shaoshi,

      freut mich, dass ich eine „Quasi-Einheimische“ noch zu einer Tour auf chinesischem Boden inspirieren konnte. Ich denke für die erste Etappe vom Westlake durch die Berge bis zum Fluss sollte man selbst bei sehr gemäßigter Fahrweise nicht länger als 3h brauchen, dürften weniger als 20km sein. Aber leih dir wenn irgendwie möglich ein Rad *mit* Gängen 🙂 Am Flussufer kann man dann ordentlich Strecke machen. Für die ganze Tour hatte ich mit vielen Stops einen Tag gebraucht, die größte Herausforderung war eigentlich, am Abend rechtzeitig in der Rushour vom Guesthouse zum Bahnhof von Hángzhōu zu kommen!

      Till

  4. Pingback: Hangzhou | Nahtoderfahrungen rund um den Westsee | Shaoshi in Shanghai

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