Oh wie schön ist Anaga – der verhinderte Gipfelsturm und ein Stückchen Sahara

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daytripHeute sind wir mal halbwegs zeitig auf der Piste, da wir aus dem tiefen Westen bis ins Anagagebirge und an den viel gerühmten Playa de las Teresitas am Nordostzipfel der Insel hüpfen wollen (Rückweg eingeschlossen). Die erste Etappe bis nach Icod kennen wir ja noch vom gestrigen Weintrip, kurz vor Puerto de la Cruz wird man sogar auf eine ausgewachsene Autobahn geleitet, und nach einer guten Stunde stehen wir am Humbold Mirador. Hier mitten im schönen Orotavatal gestand der überaus reiselustige Forscher anno 1799 angeblich mit blumigen Worten, dass er „… nirgends ein so mannigfaltiges, so anziehendes, durch die Verteilung von Grün und Felsmassen so harmonisches Gemälde“ gesehen habe. Recht hatte er  – der Norden Teneriffas hat schon so einige Naturkunstwerke auf Lager, was wir spätestens nach dem gestrigen Trip bestätigen können. Uns hat die Aussicht von Humbolds Mirador heute nicht so nachhaltig beeindruckt, vielleicht lag’s auch einfach am bewölkten Himmel oder an den urbanen Ausläufern im Tal, die es hier 1799 in dieser Form sicher noch nicht gab?

img_7164_schlumpfbootBei Tacoronte wechseln wir auf die gemächliche TF-16, während die Autobahn in Richtung Santa Cruz abbiegt. Schnell wird das Leben ländlicher während wir die ersten Anaga-Ausläufer erklimmen. Da zählte der gastfreundliche Schlumpf in seinem Boot vor einer Kita schon zu den aufregenderen Momenten, zumindest aus Felix‘ Sicht. Erstes Highlight ist der Mirador de Jardina an einer scharfen 180° Kurve mit bestem Blick auf San Cristóbal de La Laguna, die umliegenden Berge sowie die herumwuselnden stets hungrigen Eidechsen. Die Straße führt weiter zum Cruz del Carmen (unter Westfalen auch „Carmener Kreuz“ genannt) durch dichten Wald und soll uns eigentlich zu einem Parkplatz namens La Ensillada führen, laut Bildatlas der Start zu einem klassischen phantastischen Rundweg durch die Weiten des Gebirges!

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Der aufmerksame Leser ahnt es bereits: Irgendwas läuft anders! Den Parkplatz meinen wir zwar gefunden zu haben, aber die einzigen vorhanden Schilder weisen unmissverständlich drauf hin, dass Wanderer ohne Sondergenehmigung hier mit schlanken 601,01€ Strafe zur Kasse gebeten werden. Jetzt kann man sich natürlich über den krummen Betrag wundern (wir helfen: Das waren mal 1 Millionen Peseten), oder warum ein aktueller Bildatlas eines namhaften Verlages auf diese Kleinigkeit nicht hinweist (war der Autor wirklich da?), aber es hilft nix – die Wanderung fällt für uns flach und wir schauen mal wo uns die Straße noch hinführt. In Anbetracht des mystischen Nebels hätten wir womöglich eh nicht viel gesehen! Wer mehr dazu wissen will: Hier haben andere Urlauber das Thema bereits etwas intensiver diskutiert.

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Bei Lomo de las Bodegas endet schließlich die Straße und offensichtlich auch irgendwie die Welt: Die Einwohner scheinen alle außer Haus oder sind unsichtbar, der Atlantik rauscht kaum hörbar in der Ferne, ein Hund und ein paar Echsen dösen auf dem Kirchvorplatz, und im Infokasten wird als nächster Event ein Vortag über die Arbeitsschutzbedingungen beim Palmenklettern angepriesen. Kurzum: Wer Ruhe und Abgeschiedenheit sucht, wird hier gewiss Beides finden. Wir nutzen die Pause für ein Picknick, haken weitere Wanderungen mit Blick auf die Uhr gedanklich ab, und machen uns auf den Weg nach San Sandrés, wo uns hoffentlich ein wundervoller Strand und keine weiteren Verbotsschilder erwarten!

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Szenenwechsel: Wir befinden uns inzwischen an der Playa de Las Teresitas. 2km feinster Sand vor den Toren von Santa Cruz, der in der 70ern eigens aus der Sahara über den Atlantik geschippert wurde, damit sich die gestressten Hauptstadtbewohner zumindest am Wochenende mal wie in der Karibik fühlen können. Und die Größe des Parkplatzes lässt zumindest erahnen, dass sie das auch im 21. Jahrhundert noch gerne tun. Heute ist aber zum Glück Donnerstag und somit massig Platz an dem riesigen Strand. Ein paar von Generatoren mit Strom versorgte Kioske und Imbisse, ein paar moderne Duschen und offenbar noch humane Strandliegenpreise sind erfreulicherweise alles an Infrastruktur. Wenn überhaupt stört allenfalls die gerade langsam Richtung Horizont geschleppte Bohrinsel die Idylle (offenbar befindet sich in der Nähe eine Art Bohrinselvertragswerkstatt). Felix kann endlich das Burgenbaudefizit der letzten Tage aufholen, eine Steinmole sorgt für einen halbwegs brandungsresistenten Schwimmbereich für den Nachwuchs, und aus dem Wasser hat man einen imposanten Blick auf die schroffe Bergkulisse. Der Playa de Las Teresitas ziert also nicht umsonst das Titelbild unseres Reiseführers und wird auch gerne als der schönste Strand Teneriffas beschrieben. Das ist natürlich immer subjektiv, aber verkehrt macht man hier auf jeden Fall nix, und hat als „echter“ Tourist glatt noch einen Exotenbonus!


img_7249_sunsetEigentlich haben wir keine große Lust unserem Stückchen Sahara nach knapp 3 Stunden schon wieder den Rücken zu kehren, aber leider sind wir immer noch auf der falschen Seite der Insel . Als Heimweg gibt es zum einen den vom Navi präferierten schnellen Südweg auf der Autobahn komplett um die Insel rum mit 111 km (gähn), den kürzesten Weg an der Nordküste von heute morgen wieder zurück mit 99 km (schnarch), oder über La Esperanza auf Landstraßen einmal quer durch die Bergwelt des Teide Nationparks mit 123 km und hoffen, dass es dort nicht allzu schnell dunkel wird (wow). Wie würden Sie entscheiden?

img_7248_da-is-was-im-buschWir wählen natürlich Option 3 und nachdem wir das doch etwas stressige Autobahnstück bei Santa Cruz hinter uns gelassen haben, geht es in Richtung Westen gemächlich durch den Wald bergauf in die Einsamkeit. Da die Sonne schon recht tief steht, verzichten wir auf ausgedehnte Viewpoint-Jagden und machen es uns am Mirador de Chipeque gemütlich, von wo aus man heute einen Hammerblick auf das Wolkenmeer im Tal und den Teide im Hintergrund hat. Anschließend wird es auch zügig dunkel, aber der Verkehr hält sich zu dieser Zeit zum Glück in Grenzen und die Straßen sind gut in Schuss und überwiegend geradlinig. Auf Höhe des Observatoriums verabschiedet sich der Tag dann nochmal mit einem gefälligen Rot, dann bricht die Nacht über die Mondlandschaft hinein. Als wir schließlich in Puerto de Santiago einrollen ist es 22 Uhr, über die Autobahn wäre es gewiss schneller gegangen (laut Routenplaner ziemlich genau um 1 Std. Fahrzeit weniger), aber dieser Heimtrip hat definitiv Maßstäbe gesetzt! Morgen kommen wir zurück und schauen uns die Ecke bei Tageslicht an. Gute Nacht!

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2 Antworten zu Oh wie schön ist Anaga – der verhinderte Gipfelsturm und ein Stückchen Sahara

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