Let there be rock – zwischen Kyaiktiyo und Kyauk Ka Lat

Wer morgens unter den ersten Besuchern der Kyaiktiyo Pagode alias „Golden Rock“ sein will, muss entweder früh aus den Federn kriechen oder gleich oben am Gipfel übernachten. Als ich gegen 7 vor dem Eternity herum tigere herrscht auf jeden Fall schon reger Betrieb auf der Zubringerstraße, und ich nutze die Gelegenheit, um die Trucks aus der Ferne grob zu inspizieren. Die schlimmsten Befürchtungen malten wir uns etwa so aus: Zahllose Menschen drängeln sich stehend auf der unüberdachten Ladefläche eines schrottreifen Lasters der über eine staubige Sandpiste holpert. Die Realität sieht zumindest im Jahre 2017 anders aus: Die Trucks wirken gepflegt und voll aber nicht überfüllt, von dem Herrn am Heck abgesehen haben alle einen Sitzplatz, und die asphaltierte Straße würde auch im Ruhrgebiet als „gut in Schuss“ durchgehen.

Warten mit Stil

Nach dem Frühstück bringt uns Maumau zum Basecamp, wie die zentrale Pilgerverladestelle gemeinhin genannt wird. Man könnte die Strecke sicher auch problemlos laufen, aber für ihn scheint es eine Frage der Ehre zu sein, mit seinem Toyota immer so weit wie möglich vorzufahren. Wir sind ganz froh, dass er auch mit uns den Weg nach oben antritt, denn touristischen Luxus wie Hinweisschilder, Ticketschalter oder Hinweistafeln sehen wir spontan nicht – im übrigen auch keine Touristen. Wir nehmen in der vorderen Hälfte eines wartenden Trucks Platz und warten bis sich die übrigen Bänke füllen. Es ist eng aber erträglich, und außer den Plätzen neben dem Fahren gibt hier ohnehin nur „Economy Class“ – immerhin mit optionalen Sicherheitsgurten. Kurz vor Ende der Zusteigephase stolpert eine ältere Frau beim Überqueren der Ladefläche, erholt sich zunächst aber fällt dann wenige Minuten nach Abfahrt in eine Art Schock-Ohnmacht. Es dauert zwar etwas bis diese Nachricht zum Fahrer vorgedrungen ist, aber immerhin wird die Dame zügig evakuiert und erholt sich auch wieder, verzichtet aber dann doch auf die Weiterfahrt. Nach einem Tankstop geht es endlich nach oben, und zwar mit einem Tempo das ich den kleinen Lastern in Anbetracht der Steigung nicht zugetraut hätte. Felix sitzt bei Maria auf dem Schoß und trägt den Aufstieg mit Fassung, die knapp 45 Minuten sind auf jeden Fall alles andere als langatmig.

Laut Loose steht ausländischen Touristen am Ende nochmal ein einstündiger Aufstieg mit 300 Höhenmetern bevor, was aber nicht mehr (oder zumindest heute nicht) zu stimmen scheint – alle verlassen den Truck an der Endhaltestelle, wo eine Art Pilgerdorf beginnt. Dass es hier oben inzwischen auch 24h ATMs gibt dürfte Myanmar Pioniere sicher etwas irritieren, insgesamt geht das Treiben aber durchaus als authentisch durch und ist zudem überaus unterhaltsam. Die Angebote der Bambus-Sänften-Träger lehnen wir dankend ab, zahlen aber brav die Touristen-Eintrittsgebühr. Das letzte Drittel ist dann bereits Schuhfreie Zone und einige der Hotels die wir unterwegs passieren sehen sogar recht passabel aus. Natürlich wollen aber früher oder später alle ans Ende, wo der Goldene Fels leuchtend über dem Abgrund schwebt! Angeblich wird der Fels nur von einem einzigen strategisch platzierten Haar Buddhas im inneren der Stupa im Gleichgewicht gehalten, der Aufenthalt auf der Terrasse scheint trotzdem als risikofrei eingestuft zu werden. Es soll ja Besucher geben die am Ende in Anbetracht der mühsam bis abenteuerlichen Anreise eher enttäuscht zurück gekehrt sind – wir fanden sowohl den Fels selbst als auch das Drumherum großartig und jede Minute der Anreise wert, und für Hobbyknipser ist das Motiv ohnehin in Traum da der „Wow Effekt“ zumindest bei gutem Wetter quasi garantiert ist.

Maumau eröffnet uns derweil, dass man bereits mit den Planungen für eine Gondel aus dem Tal begonnen hat, die die Anreise deutlich bequemer machen soll. Ob das Projekt wirklich Fluch, Segen oder beides zugleicht ist, und es es überhaupt in absehbarer Zeit realisiert wird, bleibt abzuwarten. Eigentlich gehört ja die Anreise mit den Einheimischen auch irgendwie zum Gesamterlebnis dazu. Die Talfahrt kam uns dann übrigens auch gleich deutlich geruhsamer vor, und Felix hat es trotz harter Bank und Serpentinen tatsächlich geschafft nach halber Strecke einzudösen – im bequemen Flieger dauert das mitunter erheblich länger 🙂

Nach dem Checkout verabreden wir uns mit Maumau zwecks Weiterreise in den Süden. Das Personal kann es natürlich nicht mit ansehen, dass Gäste einfach so in der prallen Sonne stehen, und stattet uns mit den Warteschirmen des Hauses aus. Die erinnern ein wenig an die lustigen Dekoschirme, die man früher ins Eis gesteckt bekam. Just als wir uns ernsthaft wundern wo der ansonsten immer überpünktliche Herr Maumau wohl abgeblieben ist, taucht er grinsend wieder auf: Offenbar sind wir auf dem Rückweg in eine Schraube gefahren, den Reifen hat er aber mal eben wieder im Ort richten lassen – keine schlechte Performance, bei uns hätte das zeitlich wahrscheinlich gerade mal für einen Kostenvoranschlag gereicht.

Später queren wir die Grenze zum Kayin Staat. Das darf man sich nicht so wie die Landsgrenzen bei uns vorstellen, wo irgendwo ein verwaistet „Willkommen in NRW“ Schild in der Pampa steht: Hier gibt es noch  Schlagbäume und Polizisten, aber zumindest an dieser Grenze keine weitere Formalitäten. Felix interessiert das alles gar nicht, er ist auf dem Rücksitz völlig eins mit dem MP3 Player, den wir mit Yakari, Nimmerlandpiraten und sonstigen Hörspielen randvoll gepackt habe (unvergessen bleibt die legendäre „Plapperfahrt nach Battambang„, bei der wir in Sachen Langzeitbeschäftigung bei Tagesfahrten im Auto noch nicht ganz so versiert waren :-))

Unseren ersten Zwischenstop machen wir bei den Bayin Nyi Naung Höhlen in der Nähe von Thaton, bei dem Maumau ausnahmsweise mal draußen parken muss. Fast noch faszinierender als die Höhle selbst fand ich die bunten an den Hang geklebten Häuschen der Klosters, die sich werbewirksam im vorgelagerten See spiegeln und direkt aus einem Fantasyfilm stammen könnten. Das ist eben Myanmar, da reicht eine an sich schon beeindruckende Höhle nicht aus, es müssen selbstredend noch überall Buddhas hin, ein Tempel davor, ne‘ Stupa auf den Berg, und alles bitte schön in Gold. Hammeranblick! Ein paar Einheimische baden draußen in den angeblich heißen Quellen, normalerweise wäre das das Zeichen für mich da auch rein springen zu wollen, und das Zeichen für Maria mich davon abzuhalten, weil stehende heiße Gewässer in tropischen Gefilden auf der „Meiden“ Liste stehen. Aber mir ist auch gar nicht nach einem Bad, schon seit dem Rückweg vom Goldenen Fels fühle ich mich irgendwie schlapp und unwohl. Die übliche Diagnose wäre jetzt „Kreislauf wegen Rumlaufens bei sengender Mittagshitze“ oder „man wird eben nicht jünger“, aber mein Kreislauf verträgt Hitze (zumindest trockene) normalerweise ganz gut, und so bleibt nur die Hoffnung, dass ich mir nicht irgendeinen lästigen Virus eingefangen habe.

Vor den Toren Hpa-Ans lässt uns Maumau wissen, dass das kulinarische Angebot im Ort jetzt nicht wirklich Michelinverdächtig ist, er aber ein nettes Restaurant außerhalb kennt. Unweit der Thanlwin Brücke liegt es, das „Thai Village Restaurant“ – passend illustriert durch einen verschmitzten Mexikaner mit überdimensionalem Sombrero! Thai Food scheint in der Ecke gerade en vogue zu sein, es entpuppt sich aber als gemütliche und zudem preiswerte Oase mit reichlich Auslauf, und trotz Schläpplichkeit gelingt es mir immerhin einen Riesenpott Tom Yum und eine Cola zu vertilgen. Finaler Stop zum Sonnenuntergang ist heute die Kyauk Ka Lat Pagode südlich von Hpa An. Und wieder so ein Ort an dem man sich fragt: Ist das real? Wo sind die Hobbits? Wer soll bloß später zuhause diese ganzen Bilder ausmisten? Kleiner Wermutstropfen: Die gesamte vordere Hälfte die ich von anderen Aufnahmen als See in Erinnerung habe ist komplett trocken. Das sieht natürlich nicht ganz so märchenhaft aus wie ein spiegelglatter See, auf dem vielleicht noch gerade ein Fischer (oder eine Elfe) herumpaddelt, aber diese Felsnadel kann sowas auch nicht wirklich entstellen. Das Umfeld ist übrigens riesig und attraktiv, also ruhig ordentliche Schuhe und etwas Zeit mitbringen!

Auf dem Heimweg sagen wir auch noch der Sonne Tschüss, die hier im Märchenland natürlich auch nach allen Regeln der Kunst hinter einem Karstfelsen über einem sattgrünen Reisfeld entschwindet. Als Übernachtungsquartier haben wir heute das Thiri Hpa-An gewählt, obwohl es eigentlich über unserem Budget lag. Die Gegend um Hpa-An lockt zwar nicht erst seit gestern viele Reisende an, aber trotzdem ist das Übernachtungsangebot überraschend schwach, und vieles bereits lange vorab ausgebucht. Eins muss man unserer Bleibe lassen:  Riesige Zimmer haben sie, hier hätte man locker eine mittlere Geburtstagsparty feiern können. Leider trügt der erste Anblick etwas, irgendwie ist überall ein wenig der Lack ab und dazu kommt noch das leicht verpeilte Personal (zumindest das männliche – sorry Geschlechtsgenossen). Aber mir ist das heute gerade recht wurscht – das Fieberthermometer zeigt nämlich in der Tat  >38° und ich ziehe mich daher für die nächsten 12h in das überdimensierte Bett zurück, während Maria mit Felix auf Essensjagd gehen. Man sieht sich morgen bei hoffentlich normalen Temperaturen wieder – schließlich wollen noch viele Höhlen erforscht werden!

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Über Till@TiMaFe on Tour

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